Weingarten behindertenfreundlich

Veröffentlicht am 15.02.2008 in Gemeinderatsfraktion

Udo Mann

Udo Mann, für die SPD im Gemeinderat, hat mit seinem Engagement und seinen Fachkenntnissen dazu beigetragen, dass Weingarten als behindertenfreundliche Stadt gilt.

Mit freundlicher Genehmigung der Schwäbischen Zeitung bringen wir zu diesem Thema einen Beitrag von Redakteur Dirk Grupe in der Ausgabe vom 15.Februar 2008
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Weingarten baut Barrieren weiter ab

WEINGARTEN - In Weingarten wohnen mehr Menschen mit Behinderung als anderswo. Doch ist die Stadt auch behindertenfreundlich gestaltet? Praxistest und Experten kommen zu einer erfreulichen Antwort: Ja. Auch wenn kleine Mängel bleiben, winkt der Stadt nun sogar die Auszeichnung als barrierefreieste Gemeinde 2008.

Wie gelange ich nur in den Hörsaal? Diese Frage hat sich Teresa Klein noch nie gestellt - bis sie im Rollstuhl sitzt. Für ein Seminarprojekt nimmt die Studentin für Sonderpädagogik die ungewohnte Froschperspektive ein - und gerät mächtig ins Schwitzen: Der imposante Hörsaal NZ 029 in der PH Weingarten fällt nämlich vom Eingang aus wie ein Amphitheater schwindelerregend steil ab. Wer den Professor an der Tafel erkennen will, muss eine vielstufige Treppe hinab - mit dem Rollstuhl kaum zu schaffen.

Teresa besorgt sich daher vom Hausmeister den Aufzugschlüssel, schwebt in den Keller - und landet wieder vor Stufen, diesmal aufwärts: "Von dort nimmt man den Lastenaufzug", sagt die 21-Jährige lächelnd, dann endet die Reise: Tür auf, voilà, belohnend winkt ein Platz vor der Tafel.

"Es war schon sehr ungewohnt, in die Rolle einer Behinderten zu schlüpfen", sagt die 21-Jährige. Mit Kommilitonen hatte sie die Idee zu dem Projekt "Ist unsere PH rollstuhlgerecht?", das Sanitätshaus Hantke stellte die Stühle. Nach einem Tag auf Rädern fällt das Urteil trotz gelegentlicher Ausflüge ins Tiefgeschoss eindeutig aus: "Die PH ist für Rollstuhlfahrer gut geeignet."

Zu kleiner Lift, zu große Tür

So hätten die meisten Treppen Rampen, für Aufzüge erhielten Behinderte problemlos einen eigenen Schlüssel, und bei Schwierigkeiten hilft die Verwaltung, wo sie kann. Ganz ohne Ecken und Kanten ist das Studentenleben auf Gummireifen aber nicht: So sei mancher Lift etwas klein geraten, große Türen ohne Automatik lassen sich nur mit Kraft öffnen, und gelegentliche Stufen unterbrechen unsanft die sonst flinke Fahrt .

Die Klippen ändern aber nichts am positiven Fazit der angehenden Akademiker. Soweit die PH, soweit so gut. Doch wie ergeht es Gehandikapten fern vom Campus, wie lebt es sich mit Behinderungen in Weingarten? Offenbar gut, vergleichsweise sogar sehr gut. Bereits im Jahr 1998 nahm die Stadt am "Wettbewerb barrierefreie Gemeinde" teil und erzielte einen hervorragenden dritten Platz. "In den zehn Jahren seither haben wir in Weingarten viele weitere Barrieren abgebaut", sagt Udo Mann, Leiter für Technik und Versorgung am Körperbehinderten-Zentrum Oberschwaben (KBZO).

Mann sitzt auch für die SPD im Gemeinderat Weingarten und will 2008 zum zweiten Mal am "Wettbewerb barrierefreie Gemeinde" teilnehmen. Ein entsprechendes Schreiben liegt Oberbürgermeister Gerd Gerber vor, den Mann als kooperativ und behindertenfreundlich lobt. So wurde im Amtshaus ein Aufzug eingebaut, der Stadtgarten ist komplett barrierefrei, und bei Neubaugebieten suchen Verantwortliche früh das Gespräch mit den Bauherren, um das Bewusstsein für Hürden und Hindernisse zu schärfen.

"Mit dem Erreichten bestehen gute Chancen für eine weitere Auszeichnung", sagt Mann, der überdies Weingarten einen Standortvorteil zuschreibt: "Bei uns ist die Behindertendichte durch das KBZO überdurchschnittlich, daher die Ausnahmestellung. Immer mehr ältere Menschen gibt es aber überall - und auf diese Entwicklung sind wir gut vorbereitet."

Weiteren Handlungsbedarf sieht Mann trotzdem, der den Namen "barrierefrei" nicht schätzt: "Das gibt es nicht, ich spreche lieber von ,Barrierearmut"." Denn selbst in einer Vorzeigestadt lässt sich ständig etwas verbessern. So können Rollstuhlfahrer ausgerechnet das Sozialamt nur über den Hintereingang und mit Termin erreichen, ältere Menschen kritisieren kurze Ampelphasen und im Pflaster des Münsterplatzes bleiben nicht nur Stöckelschuhe stecken, wie eine Betroffene bestätigt: "Das rüttelt mich im Rollstuhl ganz schön durch", sagt die 43-jährige Lydia Zaga.

Gute Noten für Weingarten

Die Spastikerin lebt seit mehr als 20 Jahren in Weingarten, fährt jeden Tag ins Zentrum und kann wohl wie nur wenige der Stadt ein Zeugnis in eigener Sache ausstellen. Und, Pflaster oder nicht, sie bestätigt die Experten: "Ob Bus fahren, öffentliche Gebäude oder Geschäfte - in Weingarten lässt sich fast alles gut erreichen." Vor allem lobt sie das behindertenfreundliche Klima in der Stadt: "Die Menschen sind sehr nett und helfen immer." Nur ein Umstand lässt sich auch mit gutem Zureden nicht aus der Welt schaffen: Schnee. "Der ist nun wirklich nicht freundlich zu uns Behinderten."

Schwäbische Zeitung/ Lokalteil Weingarten vom 15. Februar 2008
ein Beitrag von Redakteur Dirk Grupe

 

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