(Weingarten/sz) – Nach 13 Jahren hat der SPD-Kreisvorsitzende Rudolf Bindig aus sein Amt in die Hände des Isnyer Sozialdemokraten Otto Ziegler gegeben. Bindig gilt als Grandseigneur der SPD im Kreis Ravensburg, saß allein 29 Jahre lang für seine Partei im Bundestag. Über die sozialdemokratische Diaspora Oberschwaben sprach SZ-Redakteurin Annette Vincenz mit dem 69-Jährigen.
SZ: Herr Bindig, nach 13 Jahren als SPD-Vorsitzender im Kreis Ravensburg haben Sie sich aus dem Vorstand zurückgezogen. Warum?
Rudolf Bindig: Nach so vielen Jahren „im Geschirr“ ist es gut, wenn nunmehr andere Personen die Hauptarbeit übernehmen. Ich habe schonseit einigen Jahren nach einem Nachfolger Ausschau gehalten. Jetzt hat sich ein guter Nachfolger mit einer leistungsfähigen Mann-und Frauschaft gefunden mit bewährten und vor allem auch einigen ganz jungen Kräften. Ich möchte mich zukünftig mehr der humanitären Hilfsorganisation HELP widmen, deren Vorsitzender ich seit mehr als 20 Jahren bin.
SZ: Haben Sie persönlich unter dem schlechten Abschneiden der Sozialdemokraten bei der Bundestagswahl gelitten, oder hatte das keinen Einfluss auf Ihre Entscheidung?
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Bindig: Unter dem Abschneiden habe ich schon gelitten; ich halte es auch für vollkommen unverdient. Etliche Bürgerinnen und Bürger, die nicht zur Wahl gegangen sind oder diesmal anders gewählt haben, haben hinterher gesagt, dass sie dies Ergebnis so nicht gewollt hätten. Das macht Hoffnung. Unmittelbaren Einfluss auf meine Entscheidung hat das Wahlergebnis aber nicht gehabt.
SZ: Die Wirtschaftskrise ist an der Region nicht spurlos vorübergegangen, auch wenn andere Landstriche stärker betroffen waren. Kurzarbeit, die Schließung der Papierfabrik Stora Enso und andere ungute Entwicklungen hätten die SPD als klassische Arbeiterpartei eigentlich stärken können. Warum ist das nicht geschehen?
Bindig: In einigen der genannten Fälle habe ich mich persönlich engagiert, ohne allerdings, wie auch andere Vertreter der Region, etwas erreichen zu können. Ich glaube, dass vielen Arbeitnehmern und Normalbürgern gar nicht bewusst ist, welch wichtige Schutzleistungen die SPD für sie wahrnimmt. Hoffentlich gehen ihnen wenigstens jetzt die Augen auf, wo die schwarz-gelbe Regierung einseitig Geschenke an bestimmte Zielgruppen verteilt und dies noch auf Pump.
SZ: Wäre es -- rückblickend -- nicht besser gewesen, einen Kandidaten von hier aufzustellen statt einer Gewerkschafterin aus Frankfurt, die bis dahin so gut wie niemand in Oberschwaben kannte?
Bindig: Da für uns in der Region das Direktmandat kaum erzielbar ist, müssen wir Kandidaten für den Bundestag aufstellen, die auch in der Landespartei bekannt sind, damit sie eine Chance für einen guten Platz auf der Landesliste haben. Leider hat es diesmal trotzdem nicht geklappt. Anne Jenter, die aus Baden-Württemberg stammt und hier jahrzehntelang gearbeitet hat, hat einen engagierten Wahlkampf geführt und sogar 2561 mehr Erst- als Zweitstimmen erhalten. Bei der vorhergehenden Wahl hatten wir einen geborenen Ravensburger, der auch ein ähnliches Ergebnis erzielt hatte.
SZ: Oberschwaben ist traditionell politisch rabenschwarz und war für die SPD schon immer Diaspora. Woran liegt das eigentlich?
Bindig: In der Frühphase der Bundesrepublik ist in Oberschwaben massiv von den bürgerlich-konservativen und klerikalen Kräften gegen die SPD mobilisiert worden, dies wirkt in einigen Strukturen bis heute nach. Ein „rabenschwarzes“ Oberschwaben gibt es allerdings schon lange nicht mehr. Die CDU hatte zum Beispiel1953 in Weingarten 73,5 Prozent, und dann ging es in Etappen bergab bis jetzt 35,5 %. So ähnlich sieht es überall im Kreis Ravensburg aus. Oberschwaben ist also viel bunter geworden. Es wäre allerdings schön, wenn der Rotanteil wieder mehr zunehmen würde.
SZ: Dennoch war der Kreis Ravensburg noch vor rund fünf Jahren politisch durch die SPD gut vertreten. Sie saßen 29 Jahre im Bundestag, Ihr Grünkrauter Kollege Matthias Weisheit bis zu seinem plötzlichen Herztod im Jahr 2005 13 Jahre. Was konnten Sie gemeinsam bewegen?
Bindig: Überall im Landkreis sieht man jetzt Solaranlagen, und viele Landwirte erzeugen Biogas. Dass die Weichen in Richtung auf erneuerbare Energie gestellt worden sind, daran haben wir tatkräftig mitgewirkt; wir haben uns erfolgreich für die Ortsumgehung von Isny und den Lückenschluss der A 96 - auf einer besseren Trasse, als ursprünglich vom Land geplant – eingesetzt. Das von rotgrün veranlasste IZBB-Programm hat zur Verbesserung an vieler Schulen der Region geführt. Mein verstorbener Kollege Matthias Weisheit hat sich engagiert für die Belange der Landwirtschaft eingesetzt.
SZ: Welche Dinge liegen Ihrer Meinung nach in der Region besonders im Argen, und wie sehen sozialdemokratische Lösungen für diese Probleme aus?
Da ist zunächst der Dauerbrenner der Elektrifizierung der Südbahn zu nennen. Für einen möglichen zweigleisigen Ausbau der Strecke Friedrichshafen – Lindau habe ich vor etlichen Jahren schon einmal rund 90 Millionen DM reservieren lassen können. Da sich dieses Vorhaben dort nicht verwirklichen lässt, könnten diese Mittel für die Elektrifizierung umgewidmet werden. Dann ärgern mich die prekären Arbeitsverhältnisse bei vielen Großfilialisten sehr. Denen könnte durch Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes abgeholfen werden. Des weiteren müsste die Kinderbetreuung in der Region weiter ausgebaut werden.
SZ: Sie selbst setzen sich mit Vehemenz für den Weiterbau der B30 ein. Wie groß sind Ihrer Meinung nach die Chancen, dass 2011 endlichder lang ersehnte erste Spatenstich fällt?
Bindig: Da muss stets beharrlich „nachgebohrt“ werden. Ich werde dies auch weiterhin tun. Gefordert ist jetzt vor allem die CDU, da sie in Land und Bund die politische Verantwortung trägt. Ich bin erneut enttäuscht darüber, dass die von regionalen CDU-Politikern alsso bedeutsam angekündigten „Baubesprechungen im Spätherbst“ offensichtlich wieder nichts gebracht haben. Wer bei überknapper Kassenlage großzügig Steuergeschenke verteilt, dem fehlen natürlich die Mittel für notwendige Infrastrukturprojekte.
SZ: Ganz ziehen Sie sich aus der Politik ja nicht zurück. Sie wurden im Juni in den Kreistag gewählt. Was sind Ihre drei wichtigsten Themen?
Bindig: Ich möchte mich im Kreistag insbesondere dem Themenbereich „Nachhaltiger Kreis Ravensburg“ widmen. Dies schließt den Klimaschutz, den Ausbau erneuerbarer Energie ebenso ein wie die Förderung und Intensivierung regionaler Wirtschaftskreisläufe. Des weiteren engagiere ich mich bei der kreiseigenen Arbeitsvermittlung Dipers. Dazu kommt mein Einsatz für die Infrastrukturprojekte, fürdie ich mich bereits als Bundestagsabgeordneter eingesetzt habe.
SZ: Erlauben Sie mir zum Abschluss eine private Frage: Sie leben seit einigen Jahren in Weingarten mit der SPD-Stadträtin Doris Spieß zusammen. Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?
Bindig: Zunächst: Wir gedenken, auch weiterhin glücklich zusammenzuleben. Im politischen und privaten Bereich ergänzen und verstärken wir uns gegenseitig. Gemeinsam haben wir Freude an unseren beiden Tibetterriern Tara (Mutter) und Balu (Sohn). Außerdem wollen wir die Ausfahrten mit unserem Wohnmobil steigern: Letztes Jahr waren wir in den drei baltischen Ländern, im kommenden Jahr soll es nach Norwegen gehen.
(Erschienen: 08.12.2009 Schwäbische Zeitung)