SPD-Podiumsdiskussion "Spielhallen" - Bericht Nr.2 der SZ vom 28.03.2009 (Abschrift)

Veröffentlicht am 29.03.2009 in Ortsverein

auf dem Podium (v.l.n.r.): Simon Schrade, Dr. Michael C. Hermann, Rainer Willibald, Rudolf Bindig, Jörg Bogenrieder
Unter folgende Überschrift stellte die Schwäbische Zeitung ihren 2. Bericht über die SPD-Podiumsdiskussion im Rössle.
  • „Das ist eine Wertedebatte“
Weingarten (dg) – Zur Podiumsdiskussion hatte die SPD Experten und Betroffene eingeladen. Unter den Gästen waren auch Vater und Sohn Grieb, denen das Gelände an der Danziger Straße gehört. An dieser Stelle fassen wir die wichtigsten Aussagen und Antworten auf Besucherfragen zusammen.

Karl-Anton Feucht, Vorsitzender des Gewerbe- und Handelsvereins Weingarten: „Der GHV ist bei der Frage einer Spielhallenansiedlung zwiegespalten.“ Trotz der bekannten Nachteile forderte er auch zur Toleranz gegenüber jeder Klientel auf: „Wir dürfen keine gesellschaftliche Klientel ausschließen – auch nicht die Spieler.“ Mit einem grundsätzlichen Verbot gefährde die Stadt den Verlust eines hart erkämpften Privilegs: „Der Freiheit“. Überdies appellierte Feucht, nicht alles nur schlecht zu reden, sondern nach Lösungen zu suchen.

Dr. Michael C. Hermann, Soziologe, warnte vor den Folgen eines Spielzentrums: „Im Umfeld einer großen Spielhalle nimmt die Delinquenz (Tendenz, straffällig zu werden, die Red.) zu – das ist wissenschaftlich eindeutig belegt.“ Das könne langfristig „sehr gefährlich sein“. Denn über Kriminalität im Umfeld von Spielhallen könne in einem Art Schneeballeffekt ein ganzes Stadtviertel verkommen.

Jörg Bogenrieder, Staatsanwalt in Ravensburg, pflichtete bei: „Spielhallen sorgen für deutlich erhöhte Kriminalität“. Namentlich mit Überfällen auf die Spielhallenaufsicht, Einbrüchen, Schlägereien, Einsatz von Falschgeld und Gerätemanipulationen.

Rainer Willibald, Therapeut bei der Caritas-Suchtberatung Ravensburg, berichtete: In den vergangenen zwei, drei Jahren sei die Zahl der Glücksspielautomaten explodiert – und mit ihnen die Zahl der Spielsüchtigen. „Dahinter verbergen sich dramatische Schicksale.“ Oft kämen Ehefrauen der Süchtigen in die Beratung mit verzweifelten Appellen, dem Partner zu helfen, bevor die Familie zugrunde geht. Das Suchtpotential habe sich verstärkt, auch weil die Betreiber die Laufzeit der Automatenwalzen gesenkt hätten, was die Geräte für die PC-geschulte Jugend attraktiver mache. Zudem sei der stündliche Verlust eines Automaten erhöht worden auf 80 Euro. „Es gibt kaum eine Möglichkeit, sein Geld schneller zu verlieren, als an Glücksspielautomaten.“ „Spielsucht ist eine Krankheit“, betonte Willibald, bei der neurobiologisch dasselbe ablaufe wie bei Alkoholsucht oder harten Drogen. „Sie wirkt wie eine Planierraupe im Gehirn.“

Jeden Abend Lärm und Müll

Simon Schrade, Jugendgemeinderat und Anwohner der Danziger Straße, sprach von einer gestörten sozialen Kompetenz durch Spielhallen. Überdies litten die Anwohner schon jetzt jeden Abend unter Müll, Lärm und „Leuten, die überall hinpinkeln.“

Applaus von den zahlreich anwesenden Anwohnern, die drei Stunden lang eine lebhafte Debatte führten. Dabei artikulierte sich harsche Kritik an der Verwaltung: „Die Stadt spielt nicht mit offenen Karten.“ Auch Moderator Rudolf Bindig beklagte, dass man die fundamentalen Fragen einer Spielhallenansiedlung öffentlich diskutieren müsste, denn: „Das ist auch eine Wertedebatte.“ In diesem Zusammenhang betonte SPD-Ortsvorsitzende Doris Spieß: „Wir wollen niemanden aufwiegeln, sondern informieren.“

Informieren wollten sich auch die Griebs, denen das Areal Danziger Straße gehört. Junior Gunter Grieb meldete sich aber nur an einer Stelle zu Wort: Ein Spielzentrum auf dem Gelände sei nie ertse Wahl gewesen. Die Ansiedlung eines Einzelhändlers, etwa aus dem Lebensmittelsegment, „hat die Stadt aber kategorisch abgelehnt.“ Ursprünglich wollte sich Gunter Grieb gestern gegenüber der SZ außern, lehnte dann aber eine Stellungnahme ab: „Ich habe mit der Stadt vereinbart, dass ich zunächst nichts sage.“

(SZ, erschienen: 28.03.2009)

 

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