Ein Monatslohn weg - in fünf Stunden

Veröffentlicht am 02.07.2009 in Presseecho

Die Süddeutsche Zeitung brachte am 1. Juli 2009 auf S. 21 folgenden Beitrag zum Thema "Spielhallen":

Während staatliche Casinos streng geregelt werden, darf an Spielautomaten munter gezockt werden. Jetzt wollen Politiker dagegen vorgehen - von Hannah Wilhelm

München – 330 Euro weg, verloren in nur drei Sekunden. Aus, vorbei. Eben noch war alles auf einem guten Weg. Er war ein Gewinner, die bunten Lämpchen auf dem Spielautomaten blinkten aufgeregt. Dann drückte er mit unsicherer Hand die Risikotaste. Wo es doch gerade so gut lief, wollte er den Gewinn noch mal verdoppeln. Stattdessen sind plötzlich 330 Euro weg, in drei Sekunden, einfach so.

Nach fünf Stunden und 37 Minuten sind 1450 Euro verloren. Versackt, irgendwo in den vier Automaten, an denen der Mann, Mitte 40, schütteres Haar, heute gleichzeitig gespielt hat. Verspielt, im Namen der Wissenschaft, im Auftrag von Gerhard Meyer, Professor an der Universität Bremen. Sein Spezialthema ist die Sucht nach dem Spiel, dem Glücksspiel. Wobei – offiziell handelt es sich bei dem Zocken am Automaten gar nicht um Glücksspiel. Und ebendas ist das Problem, findet Meyer.

Glücksspiel, also Casinos oder Lotto, ist hierzulande in staatlicher Hand. Die verlockend blinkenden Spielautomaten dagegen hängen in privaten Spielhallen, außerdem in oft nach abgestandenem Rauch riechenden Eckkneipen. Insgesamt 225 000 von ihnen hängen oder stehen in Deutschland – und an ihnen Geld zu verlieren, ist offiziell kein Glücksspiel. Zwar handelt es sich ebenso um ein Spiel mit dem Glück, doch die Definition ist eine andere: „Spielgeräte mit Gewinnmöglichkeit”, so schrieb es das Bundeswirtschaftsministerium in einem Brief im vergangenen Jahr. 2008 verdienten die Aufsteller mit den Automaten 3,25 Milliarden Euro, die staatlichen Casinos gerade mal 723 Millionen. 12 300 Spielhallen gibt es in Deutschland, sie schießen wie Pilze aus dem Boden, vor allem in Bahnhofsvierteln, wo ihre Lampen mit denen der Sexshops grell um die Wette leuchten. Der Gesamtverband der Suchtkrankenhilfe stellt eine Verlagerung der Kunden aus den staatlichen Spielbanken in die Spielhallen fest, also in fast unreguliertes Gebiet. „Es ist ja offiziell kein Glücksspiel, deshalb schert es niemanden so recht”, sagt Meyer.

Ihn schert es schon. Und das will er an diesem Mittwoch auch als Sachverständiger vor dem Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestags sagen. Die Grünen haben eine Anhörung zum Thema Glücksspielsucht beantragt. Eben deshalb schickte Meyer in der vergangenen Woche seinen Testspieler los, in eine Spielhalle in Göttingen, in der Tasche 1450 Euro, das durchschnittliche Nettomonatsgehalt eines deutschen Arbeitnehmers. „Und dieses Geld war nach fünf Stunden und 37 Minuten weg in der Spielhalle”, sagt der Wissenschaftler, „man kann also auch an diesen vermeintlich ungefährlichen Automaten ein Vermögen verlieren.” Es gibt Auflagen für diese Automaten, die in der sogenannten Spielverordnung geregelt sind. Diese wurde zuletzt Anfang 2006 überarbeitet: Seitdem dürfen bei einem Einsatz von 20 Cent höchstens zwei Euro gewonnen werden, insgesamt darf der Gewinn pro Stunde nicht höher als 500 Euro sein, der Verlust nicht höher als 80 Euro.

Meyer nun wirft der Automatenindustrie vor, diese Vorgaben zu umgehen. „Vor allem, indem nicht um Geld, sondern um Punkte gespielt wird”, erklärt er. „Statt 1000 Euro gewinnt oder verliert man eben 100 000 Punkte, die dann anschließend in einen Geldbetrag umgerechnet werden. Und so versteckt können plötzlich doch höhere Summen gewonnen werden als zulässig – und eben auch verloren.” Außerdem spielten viele Besucher an mehreren Automaten gleichzeitig. „Nach einem Verlust von 80 Euro ist ein Gerät offiziell ja für eine Stunde gesperrt, aber dann wird eben an den anderen weitergezockt.”

Auch der Arbeitsausschuss Münzautomaten wird sich am Mittwoch vor dem Gesundheitsausschuss äußern. Seine Argumente: Die Branche habe längst reagiert, beispielsweise mit Informationsangeboten zur Gewinnspielsucht und durch die Schulung von Personal.

Das Personal hielt den von Gerhard Meyer beauftragten Testspieler im Übrigen nicht davon ab, einen Monatslohn zu verspielen. Als er einem Angestellten sein Leid klagte, er habe so viel verloren, sagte der besänftigend: „Keine Sorge, da muss ja bald was kommen.”

Erschienen in Süddeutsche Zeitung vom 01.07.2009

 

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