Die Blumen sind von Thomas Oppermann, die Briefe von Sigmar Gabriel und Claus Schmiedel: Rudolf Bindig hat zum 75. Geburtstag viel Post bekommen (Foto: Nicolai Kapitz)
Mit diesem Foto und dem folgenden Beitrag hat die "Schwäbische" in der Ausgabe vom 11. September Rudolf Bindig gewürdigt, der 29 Jahre für die SPD, unsere Region und die Menschenrechte im Bundestag gewirkt hat. Der Ortsverein Weingarten weiss zu schätzen, dass Rudolf seit vielen Jahren auch überaus engagiert in der SPD Weingarten mitarbeitet und gratuliert seinem Mitglied deshalb ganz besonders herzlich zum runden Geburtstag.
Schwäbische Zeitung vom 11.09.2015
Niedersächsischer Oberschwabe
Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Rudolf Bindig ist 75 geworden – Er lebt seit 15 Jahren in Weingarten
von Nicolai Kapitz
Weingarten - Anhand der Post, die Rudolf Bindig bekommen hat, kann man ganz gut erkennen, welchen Stellenwert der SPD-Politiker hat: Parteichef Sigmar Gabriel, Bundestagsfraktionschef Thomas Oppermann, die ehemalige Landesvorsitzende Ute Vogt und Landesfraktionschef Claus Schmiedel haben ihm zum runden Geburtstag gratuliert. Bindig, mehr als 20 Jahre lang für die SPD im Bundestag und seit 2000 Weingartener, ist am Wochenende 75 Jahre alt geworden.
Rudolf Bindig hat Spuren hinterlassen, egal wo er gewirkt hat. Der gebürtige Niedersachse vertrat zwischen 1976 und 2005 die Bodenseeregion für die SPD im Deutschen Bundestag. „Nach so vielen Jahren intensiver Politik ist es schwer, über die Höhepunkte zu sprechen“, sagt der Jubilar, der noch immer aktiv ist – für die SPD im Kreistag. „Ich kann zufrieden zurückblicken.“ Beim genauen Nachdenken fallen ihm dann doch zwei Dinge ein, die er während seiner Zeit als Abgeordneter im Bundestag mitgeprägt hat: Auf seine Initiative hin wurde 1998 im Bundestag der Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe gegründet. „Ich habe geholfen, dieses Thema im politischen System in Deutschland zu etablieren“, erinnert er sich an die Zeit in der rot-grünen Koalition unter Kanzler Gerhard Schröder. Bindig war auch Sprecher für Menschenrechte innerhalb der SPD-Fraktion.
Europaflagge im Bundestag
Die andere Sache, die ihm einfällt, ist eine, die noch heute im Plenarsaal des Bundestages sichtbar ist. „Es war während der ersten Fraktionssitzung im Reichstagsgebäude“, erinnert sich der 75-Jährige. „Mir ist da etwas aufgefallen, also habe ich mich eisern gemeldet.“ Irgendwann wurde der damalige – inzwischen verstorbene – Fraktionschef Peter Struck auf Bindig aufmerksam. „Rudolf, was haste denn?“, hat Struck gefragt. „Ich habe den Vorschlag gemacht, dass im Bundestag neben der deutschen Flagge auch die Europaflagge gehisst wird“, erzählt Bindig. Seine Idee stieß zumindest bei den SPD-Mitgliedern auf offene Ohren, gegen Widerstände aus anderen Parteien wurde sie in die Tat umgesetzt. „Vor allem die CSU hatte da was dagegen“, erinnert sich der SPD-Kreisrat.
Bindigs Vorschlag ist trotzdem Realität geworden: Bis heute prangt die Europaflagge neben dem Adler und der deutschen Flagge. „Das wurde inzwischen von vielen anderen europäischen Staaten kopiert“, sagt Bindig.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde Rudolf Bindig 1940 in Goslar am Harz als Sohn eines Försters geboren. Er absolvierte in Göttingen und Nürnberg ein Studium zum Diplom-Kaufmann. An der Universität Konstanz folgten Studien in Geschichte, Politik und Soziologie. Hier kam er auch in Kontakt mit der Studentenbewegung der 68er. 1967 trat er in die SPD ein und war 20 Jahre Mitglied im Landesvorstand der SPD Baden-Württemberg. Bindig beschäftigte sich vor allem mit Entwicklungs- und Verkehrspolitik. „Ich habe meine Schwerpunkte stets in der Sozial- und in der Umweltpolitik gehabt“, sagt er heute.
Er war und ist auch immer einer, der vor Unbequemlichkeiten nicht zurückschreckt. Stichwort Bodensee-Autobahn: In der Region wird er von einigen Menschen immer noch als Totengräber dieses Bauvorhabens gesehen. „Inzwischen ist das für mich ein Ehrentitel“, sagt Bindig und lacht. „Aber ich lasse mir nicht den Schuh anziehen, dass ich ein Straßenbaugegner sei.“ Das muss er auch nicht: Es ist verbrieft, dass er sich als Bundestagsabgeordneter für zahlreiche Straßen – etwa die Umgehungsstraße bei Amtzell oder den Ausbau der B 30 – eingesetzt hat. „Nur diese Autobahn am Bodensee – und dabei bleibe ich – hatte für mich keinen Sinn.“ Er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Schnellstraße nicht gebaut wurde.
Mit dieser Durchsetzungsfähigkeit hat er sich zwar nicht überall nur Freunde gemacht, aber man zollt ihm über Parteigrenzen hinweg Respekt und Anerkennung: Auch von CDU-Politikern kamen zum Geburtstag Briefe. Und auch von Weingartens Oberbürgermeister Markus Ewald, der die kritische Begleitung der Lokalpolitik durch Bindig lobt – „auch wenn er einräumt, dass wir ab und zu verschiedene Meinungen haben“, sagt Rudolf Bindig und lacht. Im Kreistag ist er als Fraktionsvorsitzender nach wie vor „seiner“ SPD und seinen Themen verpflichtet. „Ich bin ja letztes Jahr erst wiedergewählt worden. Ich engagiere mich, solange ich das Gefühl habe, dass ich etwas erreichen und bewegen kann.“
Soziales Engagement
Engagement ist sowieso ein Wort, das sich durch den Lebenslauf des SPDlers zieht. Er ist seit vielen Jahren Vorsitzender der nicht-staatlichen humanitären Hilfsorganisation „Help – Hilfe zur Selbsthilfe“ und sitzt im Aufsichtsrat der „Aktion Deutschland hilft“, einem Bündnis verschiedener Organisationen. Auch in seiner Wahlheimat Weingarten – im Jahr 2000 ist er von Waldburg hierher umgezogen – setzt er sich ein. Bindig ist Mitglied im Aufsichtsrat der Bürgerenergiegenossenschaft und Vorsitzender des Stiftungsrates der Bürgerstiftung.
Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin – oder vielleicht besser Lebensgenossin – Doris Spieß, SPD-Ortsvereinsvorsitzende und Stadträtin, geht er seinen Hobbies nach: Pilzkunde, Ornithologie und Fotografie. Seine Bilder kann man seit einigen Jahren in einem jährlichen Bildkalender mit Motiven aus Weingarten bestaunen. Er fährt immer noch regelmäßig nach Goslar, aber seine Heimat ist inzwischen Weingarten. „Früher habe ich gesagt, ich bin ein oberschwäbischer Niedersachse“, erinnert sich Bindig. „Inzwischen bin ich ein niedersächsischer Oberschwabe.“
Schwäbische Zeitung vom 11.09.2015